Die Liebe durch Bindung stärken

von | Okt 15, 2021

Bindung ist ein existentielles menschliches Bedürfnis von der Geburt an bis zum Tod. Wir Menschen brauchen Bindung, um Trost, Empathie und Fürsorge sowie körperliche und emotionale Wärme und Berührung zu erhalten und zu schenken. Das ist lebenswichtig, nicht nur für Babys, die ohne Bindung sterben würden, sondern auch für uns Erwachsene, für unsere psychische und physische Gesundheit. Im Kindesalter sind vor allem die Eltern unsere wichtigsten Bindungsmenschen.

Wenn wir erwachsen werden, kann es die beste Freundin oder der beste Freund sein. Bei den meisten Menschen ist es der Partner oder die Partnerin, an die/an den wir uns binden. Wir sehnen uns auch als Erwachsene danach, geliebt, gesehen und gewürdigt zu werden. Das ist zutiefst menschlich. Wir fragen – wenn auch nicht immer laut ausgesprochen: „Bist Du da für mich, auch wenn es mir schlecht geht? Kann ich mit meinen Sorgen, meinen Wünschen, meinen Bedürfnissen zu Dir kommen? Hältst Du mich fest, wenn ich im Leben zu taumeln beginne? Bin ich sicher bei Dir und geschützt, auch wenn ich mich zutiefst verletzlich und berührbar zeige?“

Und tragischerweise fällt es oft schwer, sich mit den eigenen tiefen Bindungsbedürfnissen zu verbinden und sie in achtsamen und guten Kontakt zu uns selbst und zu unseren Liebsten zu bringen. Haben doch viele von uns schmerzhafte und verletzende Bindungserfahrungen in ihrer Kindheit oder/und in ersten Liebesbeziehungen gemacht. Um nicht wieder verletzt, gedemütigt und beschämt zu werden, haben wir uns – zumeist unbewusst – Schutzmauern zugelegt und Glaubenssätze, mit denen viele durchs Leben gehen: „Ich komme auch allein klar. Nur wenn ich mich zurückziehe, dann bin ich wirklich sicher. Ich muss perfekt sein und alles geben, um geliebt zu werden. In der Tiefe bin ich einsam und niemand wird für mich da sein.“  Allein klarzukommen, niemanden zu brauchen, erscheint in unserer Gesellschaft oft sogar als ein erstrebenswertes Ziel, als Ausdruck von Selbstbestimmung und Autonomie. Viel zu oft hat dieser Glaube an die „Pseudo-Unabhängigkeit“ fatale Folgen: Burnout, Einsamkeit, Krankheiten.

Auch wenn wir uns noch so sehr einreden, dass wir alleine klarkommen, uns alles „erkaufen“ können und als EinzelkämpferInnen gesellschaftlich geachtet sind, so bleiben wir in unserem Innersten soziale Wesen, die erst durch Liebe und Bindung zu menschlicher Größe wachsen.
Wenn wir uns verlieben, dann ist die Bindungsenergie so groß, dass die schützenden Glaubenssätze – zumindest eine Zeit lang – verdeckt werden. Das Verliebtsein öffnet die Grenzen und wir geben uns voller Mut der Nähe und Verbindung hin. Und mit den Herausforderungen des Lebens, dem Alltag, den Sorgen um Kinder, Beruf, Familie, den kleinen und großen Verletzungen, die unweigerlich in Beziehungen passieren, melden sich Bindungstraumata, Schutzmuster und Glaubenssätze: „Ist er oder sie wirklich vertrauenswürdig? Liebe ich ihn oder sie überhaupt noch? Ist er/ sie die/der Richtige für mich? Ich fühle mich einsam und allein trotz Partner oder Partnerin.“ Dann beginnen die negativen Zyklen im Paar. Die eine oder der andere beginnt zu meckern, Vorwürfe zu machen, vor Wut zu schreien oder zu schimpfen: „Nie bist Du da!“ „Nie übernimmst Du mal die Kinder oder machst den Haushalt! Immer lässt Du alles liegen.“ Und der andere oder die andere beginnt zu denken: „Ich kann nichts richtig machen. Ich bin falsch, ich bin schuld. Nur wenn ich mich zurückziehe, dann bin ich sicher.“ Und der Rückzug macht den Partner/die Partnerin noch wütender, noch einsamer und die Wut bringt den anderen noch mehr zum Rückzug. Paare stecken fest im Teufelskreis, der aus „Verfolgen und Rückzug“ oder auch „Verfolgen und Verfolgen“ oder „Rückzug und Rückzug“ bestehen kann. In komplexen negativen Zyklen wechseln auch mal die Rollen, da kann auch die Verfolgerin zur Rückzüglerin werden und der Rückzügler zum Verfolger.

Und tragischerweise kann der/die PartnerIn dann nicht sehen, dass hinter der Wut oder dem Rückzug die tiefe Einsamkeit, Ohnmacht oder Angst steckt, oftmals schon aus Kindheitstagen. Dann schreit die Einsamkeit mit Wutenergie: „Bist Du da, siehst Du mich?“ Und der/die PartnerIn sieht nur die Wut, die Angst auslöst und zieht sich zurück.  In der Tiefe fühlt sie oder er vielleicht: „Ich habe Angst, ich brauche Sicherheit. Ich fühle mich überfordert, denke, dass ich schuld bin, ein Nichtsnutz und allein.“  Viele Paare verstricken sich in diesen verletzenden Teufelskreisen und sind davon überzeugt, dass der andere/die andere die Schuld trägt. Am Ende stehen beide in den Tiefen erschüttert vor dem Scherbenhaufen von Destruktivität und Resignation. Manche finden den Weg in die Paartherapie, andere haben sich auf die Suche nach anderen Bindungsmenschen gemacht oder die Trennung besiegelt.
Ich selbst kenne diese negativen Teufelskreise leider sehr gut, bin mit meinem Mann da immer wieder und regelmäßig reingerutscht, ich als „Verfolgerin“ und mein Mann als „Rückzügler“. Besonders schlimm wurde es dann, als wir beide mit Haus(um)bau und Kindern heillos überfordert waren. Die Emotionsfokussierte Paartherapie (EFT nach Sue Johnson), die den Fokus auf Bindung legt, wurde für uns der rettende Anker. Wir haben gelernt, unsere negativen Zyklen zu verstehen. Wir haben gelernt, die guten Gründe für unsere Schutzmuster – Wut und Rückzug – zu würdigen und damit die dahinterliegenden Gefühle von Verletzlichkeit, Einsamkeit, Ohnmacht und Angst nicht als Schwäche, sondern immer mehr als wahre menschliche Stärke zu erkennen und uns damit zu öffnen und zu zeigen. So konnten und können wir Bindungsverletzungen langsam aber sicher heilen und uns von Neuem trauen, uns miteinander in das Abenteuer Bindung, Liebe und Nähe zu begeben. Ein großes Geschenk auch nach 20 Jahren Beziehung!
Aus der tiefen Überzeugung der Wirksamkeit der EFT bin ich selbst Emotionsfokussierte Therapeutin geworden, um Paare in Krisen, bei Herausforderungen und in schwierigen Zeiten zu unterstützen, aus den Teufelskreisen auszusteigen und sich mit Bedürftigkeit und Fürsorge dem Partner/der Partnerin wieder neu zu zeigen. Es ist ein Geschenk für mich, mit Paaren zu arbeiten, Anteil nehmen zu dürfen, mitzufühlen und zu stärken, wenn heftige Emotionen das Paar aus ihrer Bindung werfen lassen. Als Therapeutin bin ich Begleiterin, Unterstützerin, Übersetzerin und vor allem eins: mitfühlender Mensch, der unterstützt, Sicherheit schenkt, verlangsamt und entschleunigt. Ich würdige die Schutzmuster, so dass die weichen, verletzlichen Gefühle sich zeigen dürfen und neues Vertrauen, Bindung und Sicherheit entsteht. Und die sind, in meiner und in EFT-Überzeugung, die Voraussetzung, um miteinander in Leichtigkeit, voller Lust und Lebensfreude zu schwingen.